Heinrich Heine – Biografie Teil 1 (1797-1831)

Geburt und erste Schritte in Düsseldorf

»Ort und Zeit sind auch wichtige Momente: ich bin geboren zu Ende des skeptischen achtzehnten Jahrhunderts und in einer Stadt, wo zur Zeit meiner Kindheit, nicht bloß die Franzosen sondern auch der französische Geist herrschte.«1

Harry Heine wurde am 13. Dezember 17972 im französisch besetzten Düsseldorf geboren. Heines Entwicklungsmöglichkeiten waren günstig, da zu dieser Zeit Juden in Düsseldorf nicht ghettoisiert waren und ab 1808 das volle Bürgerrecht genossen. Aber schon vor der französischen Besetzung gelangten die Vorfahren der Mutter zu Ansehen und einem gewissen Reichtum, »z. B. mein Großvater und mein Oheim, der alte Herr v. Geldern und der junge Herr v. Geldern, die beide so berühmte Doctoren waren […]«3

Der Vater, Samson Heine war 1796 nach Düsseldorf gekommen »wo er sich aus Liebe für meine Mutter als Kaufmann etablirte«4. Er heiratete Betty van Geldern und Harry wurde bald als erster Sohn geboren. »Weil nun der Freund meines Vaters, der sich auf den Einkauf der Velveteen am besten verstand, den Namen Harry führte, erhielt auch ich diesen Namen und Harry ward ich genannt in der Familie und bey Hausfreunden und Nachbaren.«5 Es folgen die Schwester Charlotte (ca. 1800) sowie die Brüder Gustav (ca. 1804) und Maximilian (ca 1806).

Ab 1803 beginnt die Schulzeit; zunächst der Besuch einer israelitischen Privatschule, dann ab 1804 der städtischen Grundschule im ehemaligen Franziskanerkloster. Von 1807 bis 1814 besucht er das Düsseldorfer Lyzeum (von September 1807 bis April 1810 die Vorbereitungsklasse des Lyzeums), bevor er, ohne das Abitur zu machen, zu der privaten Handelsschule Vahrenkamp wechselt, da er Kaufmann werden soll.

Im September 1815 verlässt Harry Heine dann vorübergehend seine Heimatstadt. »Um etwas vom Wechselgeschäft und von Colonialwaaren kennen zu lernen, mußte ich später das Comptoir eines Banquiers meines Vaters und die Gewölbe eines großen Spezereyhändlers besuchen; erstere Besuche dauerten höchstens drey Wochen, letztere vier Wochen. Doch ich lernte bey dieser Gelegenheit wie man einen Wechsel ausstellt und wie Muskatnüsse aussehen.«6 Von dieser Hospitation in Frankfurt kehrt er im November 1815 nach Düsseldorf zurück.

Hamburg, das verluderte Kaufmannsnest

»Ein berühmter Kaufmann, bey welchem ich ein apprenti millionnaire werden wollte, meinte ich hätte kein Talent zum Erwerb und lachend gestand ich ihm daß er wohl Recht haben mochte.«7

Ab Juni 1816 soll Heine dann in Hamburg unter der Obhut seines Onkels Salomon Heine ein erfolgreicher Kaufmann werden und so beginnt er eine kaufmännische Ausbildung im Bankhaus des Onkels. Harry fühlt sich in Hamburg nicht wirklich wohl, denn »es ist ein verludertes Kaufmannsnest hier. Huren genug, aber keine Musen.«8 Er verliebt sich unglücklich in seine Cousine Amalie und hat insgesamt ein schwieriges Verhältnis zu seiner Hamburger Familie.

Abseits der Ausbildung und der unglücklichen Liebe ist Hamburg auch die Stadt, in der die ersten poetischen Versuche an die Öffentlichkeit treten: Unter dem Pseudonym »Sy. Freudhold Riesenharf«9 werden 1817 erstmals Heine-Gedichte in Hamburgs Wächter abgedruckt. Ein Pseudonym war aus zwei Gründen notwendig: erstens könnten seine Gedichte ihm »als Kaufmann, ungeheuer schädlich seyn«10 und zweitens »läßt sich leicht voraussehen daß Christliche Liebe die Liebeslieder eines Juden nicht ungehudelt lassen wird.«11

Da Samson Heine in Düsseldorf in finanzielle Bedängnis gerät und die Absatzschwierigkeiten dort keine Besserung erwarten lassen, soll Harry in Hamburg Textilien seines Vaters verkaufen, wozu Onkel Salomon Heine 1818 das Kommissionsgeschäft »Harry Heine & Comp.« gründet. »Da bald darauf eine große Handelskrisis entstand und wie viele unserer Freunde auch mein Vater sein Vermögen verlor und ich auf keine Geldfonds rechnen konnte, da platzte die merkantilische Seifenblase und meine Mutter mußte wohl eine andre Laufbahn für mich träumen.«12 1819 muss das Geschäft infolge der drohenden Insolvenz des Vaters bereits wieder geschlossen werden und auch das Geschäft des Vaters wird bald darauf auf Betreiben der Hamburger Verwandschaft aufgelöst

Studentenzeit

»Von den sieben Jahren die ich auf deutschen Universitäten zubrachte vergeudete ich drey schöne blühende Lebensjahre durch das Studium der römischen Casuistik.«13

Heine beginnt 1819 ein Studium in Bonn. Eigentlich studiert er Jura, doch ist es offensichtlich, dass ihn die deutsche Sprache und Literatur wesentlich mehr interessieren. Ist doch die deutsche Sprache »ein Vaterland selbst demjenigen, dem Thorheit und Arglist ein Vaterland verweigern.«14 Er muss feststellen, dass er als Jude nicht als Deutscher anerkannt wird. Immer mehr antijüdische Schriften kommen in Umlauf, und 1819 kommt es in den deutschen Ländern zu antijüdischen Ausschreitungen, den sogenannten Hep-Hep-Krawallen. 1822 folgt ein preußischer Erlass, nach dem Juden von akademischen Lehr- und Schulämtern ausgeschlossen werden.15 Die Zeitereignisse politisieren Heine mehr und mehr:

»[…] und außerdem fühle ich mich ein bischen seltsam gestimmt wenn ich zufällig in der Zeitung lese daß auf den Straßen Londons einige Menschen erfroren und auf den Straßen Neapels einige Menschen verhungert sind. Obschon ich aber in England ein Radikaler und in Italien ein Carbonari bin, so gehöre ich doch nicht zu den Demagogen in Deutschland; aus dem ganz zufälligen und gringfügigen Grunde, daß bey einem Siege dieser letztern einige tausend jüdische Hälse, und just die besten, abgeschnitten werden.«16

Bonn

In Bonn, wo er sich zum Wintersemester 1819/20 einschreibt, besucht er neben einer juristisch Pflichtvorlesung hauptsächlich historische und literaturhistorische Vorlesungen, wie zum Beispiel »Geschichte des deutschen Volkes und Reichs« und »Tacitus: de moribus Germanorum« bei Ernst Moritz Arndt, »Die Urgeschichte der Deutschen« bei Johann Gottlieb Radloff, »Geschichte des Altertums« bei Karl Dietrich Hüllmann und »Geschichte der deutschen Sprache und Poesie« von August Wilhelm von Schlegel.17 Mit Schlegel tritt er näher in Kontakt und legt ihm auch Gedichte zur kritischen Durchsicht vor:

»Mit meinen Poesien war er sehr zufrieden, und übr die Originalität derselben fast freudig erstaunt. Ich bin zu eitel um mich hierüber zu wundern. Ich habe mich sehr gedocken gefühlt als ich neulich von Schlegel förmlich eingeladen wurde, und bei der rauchenden Kaffetasse stundenlang mit ihm plauderte. Je öfter ich zu ihm komme, desto mehr finde ich welch ein großer Kopf er ist, […] Seine erste Frage ist immer: wie es mit der Herausgabe meiner Gedichte stehe? und scheint solche sehr zu wünschen.«18

In der Bonner Zeit entsteht Heines Aufsatz Die Romantik, der am 18. August 1820 im Rheinisch-Westfälischen Anzeiger als erste Prosaarbeit Heines gedruckt wird. Außerdem beginnt er die Arbeit am Almansor.

Zum studentischen Leben Heines ist zu erwähnen, dass er zum 6. Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht (gleichzeitig dem 2. Jahrestag des Wartburgfests) an einem studentischen Fackelzug teilnimmt, woraufhin er im November 1819 von einem Universitätsgericht ergebnislos verhört wird und dass er Mitglied der Burschenschaft »Allgemeinheit« wird.

Göttingen

Nach zwei Semestern in Bonn wechselt Heine im Herbst 1820 an die Universität in Göttingen, die er jedoch, wegen einer Duellforderung, bereits nach einem Semester im Februar 1821 wieder verlassen muss. Entsetzt stellt Heine in Göttingen fest, wie wenig sich die Studentenschaft mit der deutschen Kultur und Sprache beschäftigt:

»Ich höre Benekens Kollegium über altdeutsche Sprache mit großem Vergnügen. Denk dir, Fritz, nur 9 (sage neun) Studios hören dieses Kollegium. Unter 1300 Studenten, worunter doch gewiß 1000 Deutsche, sind nur 9, die für die Sprache, für das innere Leben und für die geistigen Reliquien ihrer Väter Interesse haben. O Deutschland! Land der Eichen und des Stumpfsinnes!«19

Neben der Vorlesung von George Friedrich Benecke über »Althochdeutsche Sprache und Literatur« hört Heine auch »Deutsche Geschichte« von Georg Friedrich Sartorius.20 Noch Ende 1820 wird Heine in Göttingen aus der Burschenschaft ausgeschlossen – als Grund sei ein »Sittlichkeitsvergehen« genannt worden. Manche Biografen vermuten einen antijüdischen Hintergrund für den Ausschluss, ohne das jedoch mit einer Quelle zu belegen.

Im Februar begibt sich Heine dann über Hamburg nach Oldeslohe, wohin seine Familie inzwischen umgezogen war. »Ich habe meine Familie in einem höchsttraurigen Zustand gefunden. Mein Vater leidet noch immer an seiner Gemüthskrankheit, meine Mutter laborirt an Migräne, meine Schwester hat den Catharr und meine beiden Brüder machen schlechte Verse. Dieses letztere zerreißt mir das Herz.«21

Berlin

Anfang April 1821 schreibt sich Harry Heine in Berlin ein, wo er jetzt zwar mehr juristische Vorlesungen besucht als zuvor, aber weiterhin auch an anderen Themen interessiert ist. Er hört in den folgenden Semestern beispielsweise »Religionsphilosophie«, »Rationelle Physik oder Philosophie der Natur«, »Natur und Staatsrecht oder Philosophie des Rechts« und »Philosophie der Weltgeschichte« bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, »Geschichte des 18. Jahrhunderts und der Französischen Revolution« sowie »Universalgeschichte« bei Friedrich von Raumer und »Die Grundzüge der Dialektik« bei Friedrich Schleiermacher.22

Heine besucht in Berlin zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, wird in verschiedene Salons eingeladen und tritt dort auch mit Prominenten seiner Zeit in Kontakt. Vor allem in den Salons von Elise von Hohenhausen und Rahel Varnhagen von Ense ist Heine häufig anzutreffen. Rahel und Karl August Varnhagen von Ense werden ihm Freunde, die mit Lob, Tadel und Förderung seiner literarischen Arbeiten wichtige Wegbegleiter in der Anfangszeit seiner künstlerischen Karriere sind. Im August 1822 wird Heine im »Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden« aufgenommen, wo er in der Folgezeit mitarbeitet.

Nachdem Heine bereits 1820 vergeblich versuchte hatte, einen Verleger zu finden, wird 1821 in Berlin Heines erstes Buch Gedichte gedruckt. 1823 gibt Heine sein zweites Buch heraus: Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo. Nach zahlreichen Gedichtpublikationen und einer Prosaarbeit, die in den vorausgegangenen Jahren in verschiedenen Zeitungen erschienen, etabliert sich Heine jetzt auch zunehmend als Prosaautor: 1822 druckt der Rheinisch-Westfälische Anzeiger die Briefe aus Berlin; im Gesellschafter wird im gleichen Jahr sein Bericht über die Polenreise veröffentlicht, die er 1822 unternahm.

Lüneburg

»Mein Oheim hatte mir noch 2 Jahr zum Studiren zugesetzt«23 konnte Heine schon vor seiner Abreise aus Berlin berichten und hatte somit die Sicherheit, sein Studium abschließen zu können. Im Mai 1823 zieht Heine vorläufig zu den Eltern nach Lüneburg und bleibt dort »im Schooße meiner Familie, wo ich solange bleiben will, bis mein kranker Kopf wieder gesund wird.«24 Er bleibt bis Anfang Januar 1824, unterbrochen von einem Kuraufenthalt an der See von Juli bis September in Ritzebüttel bei Cuxhaven.

»Jetzt quälen mich juristische Arbeiten: da ich mein juristisches Studium bald zu vollenden gedenke, damit die holde Justizia mir Brod gebe.«25 Er erlebt dort die »christliche Mittelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischeß, die höhere Classe ebenso im höheren Grade.«26 Von seinen juristischen Studien findet er wenig Ablenkung, denn »Bildung ist hier gar keine; ich glaube auf dem Rathhause steht ein Culturableiter.«27 Einzig der Poesie räumt er noch Zeit ein und so entsteht in Lüneburg der Gedichtszyklus Die Heimkehr. Im Familienkreis diskutiert man Heines Taufe als Möglichkeit, nach abgeschlossenem Studium auch eine Anstellung zu bekommen: »Wie Du denken kannst – kommt hier die Taufe zur Sprache. Keiner von meiner Familie ist dagegen, außer ich.«28

Erneut Göttingen

Um das Studium abzuschließen schreibt sich Heine Anfang 1824 erneut in Göttingen ein, wo er sich intensiv seinem Jurastudium widmet aber weiterhin schriftstellerisch tätig bleibt. Die Heimkehr-Gedichte werden ab 26. März 1824 in vier Folgen als 33 Gedichte von H. Heine im Gesellschafter abgedruckt. Im Juni 1824 beginnt Heine seine Arbeit am Rabbi von Bacherach und im Herbst 1824 macht er eine Reise durch den Harz, die er später als Harzreise beschreibt.

Zwischen Examen und Promotion lässt sich Harry am 28. Juni 1825 in Heiligenstadt auf den Namen Christian Johann Heinrich taufen, obwohl er nur zwei Jahre zuvor geäußert hatte: »Aber dennoch halte ich es unter meiner Würde u meine Ehre befleckend wenn ich, um ein Amt in Preußen anzunehmen, mich taufen ließe. Im lieben Preußen!!!«29 – Aber blieb ihm wirklich eine andere Wahl, bevor »ich sicher, vom Schwindel erfaßt, in den Abgrund gestürzt wäre, wenn ich mich nicht, in meiner Seelennoth, ans eiserne Kreuz festgeklammert hätte. Daß ich, in so mißlicher Stellung, dieses letztere gethan habe, wird mir gewiß Niemand verdenken.«30 Nach Abschluss seines Studiums reist Heine nach Norderney, was er, wie schon seine Harzreise, anschließend literarisch verarbeitet.

Broterwerb

»Aber man muß Geld in dieser besten Welt haben, Geld in der Tasche und nicht Manuskripte im Pult.«31

Als Protestant will Heinrich Heine nun eine Anstellung finden, um aus der finanziellen Abhängigkeit von seinem Onkel Salomon zu entkommen. Er versucht zunächst, in Hamburg, wohin er 1825 zurückgekehrt war, eine Anstellung als Advokat zu bekommen, was aber nicht gelingt. »Ich verließ Göttingen, suchte in Hamburg ein Unterkommen, fand aber nichts als Feinde, Verklatschung und Aerger […].«32 Dennoch gibt es einen Erfolg zu vermelden: Heine legt Julius Campe Anfang 1826 seine Reiseberichte vor und gewinnt ihn als Verleger. Reisebilder. Erster Teil, dessen Harzreise der Gesellschafter ab Januar 1826 in Fortsetzungen druckte, erscheint Mitte Mai. Im Juli folgt eine erneute Reise nach Norderney, wo Heine bis September 1826 bleibt.

Im April 1827 erscheint der zweite Teil der Reisebilder. Bis August unternimmt Heine jetzt eine Englandreise und gerät einmal mehr in Konflikt mit seinem Onkel, weil er dabei mehr Geld ausgibt, als sein Onkel geplant hatte. Im Oktober bringt Campe Heines Buch der Lieder heraus – die 2000 Exemplare der ersten Auflage verkaufen sich allerdings zunächst nur schleppend, so dass erst nach zehn Jahren eine zweite Auflage nötig wird. Heine verlässt Hamburg und betätigt sich ab November 1827 als Redakteur der Neuen allgemeinen politischen Annalen in München, wo er im Folgenden auch versucht eine Professur erhalten. Doch nach den ersten beiden Reisebilder-Bänden, war Heine in Deutschland endgültig bekannt, aber von den Obrigkeiten aufgrund seiner politischen Äußerungen nicht wirklich geliebt.

Ab August 1828 macht Heine eine Bildungsreise durch Italien. »Der Mangel an Kenntniß der italienischen Sprache quält mich noch sehr. Ich versteh die Leute nicht und kann nicht mit ihnen sprechen. Ich sehe Italien, aber ich höre es nicht. Dennoch bin ich nicht ganz ohne Unterhaltung: Hier sprechen die Steine und ich verstehe ihre stumme Sprache.«33 Währenddessen scheitern in München trotz Unterstützung von Eduard von Schenk, der seit September bayerischer Innenminister ist, seine Pläne auf eine Professur. Anfang Dezember stirbt sein Vater, was Heine jedoch erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland erfährt. Teile des nächsten Reisebilder-Bandes erscheinen bereits im Dezember als Reise nach Italien im Morgenblatt.

Im April 1829 erscheint Platens Romantischer Ödipus, der einen Angriff auf Heine mit antijüdischen Herabsetzungen enthält. Heines Antwort folgt im Dezember 1829 im dritten Band der Reisebilder, der insgesamt auch nicht dazu beiträgt Heine einer staatlichen Anstellung näherzubringen. Als vierter und letzter Teil der Reisebilder erscheint im Januar 1831 Nachträge zu den Reisebildern – im selben Monat wird Heines Bewerbung als Ratssynikus in Hamburg abgelehnt und in Preußen wird der vierte Reisebilder-Band verboten und beschlagnahmt.

Wirklich unerwartet kommt das Scheitern bezüglich der Ratsstelle in Hamburg nicht; Varnhagen schätze Heines Chancen dazu sehr realistisch ein: »Überhaupt haben Sie es durch Ihr ganzes bisheriges Leben und Dichten wohl am wenigsten darauf angelegt, im Staatsdienst Ihre Bahn zu finden.«34 schreibt er Heine Anfang Januar 1831 und fährt später in diesem Brief fort: »Jemehr ich mir Ihre Verhältnisse und ganze weltliche Stellung vergegenwärtige, destomehr werde ich überzeugt, daß Sie vor allem in gutem Vernehmen mit Ihrem Oheim stehen müssen; darauf sind Sie zunächst angewiesen, von daher muß sich Ihnen weiterer Fortgang entwickeln«35.

Heine lebt also weiterhin von der Unterstützung seines Onkels – aber, wenn auch zu geringerem Teil, jetzt zusätzlich von den Erträgen seiner literarischen Arbeiten; »wenn ein Dichter versichert, kein Geld zu haben, so solle man ihm aufs Wort glauben und keinen Eid von ihm verlangen.«36 Immerhin ist es ihm gelungen, in Julius Campe einen Verleger zu finden, mit dem eine langfristige Zusammenarbeit möglich erscheint.

Bis 1831 gelingt es Heine nicht, eine feste Anstellung in Deutschland zu erlangen. Die Dinge in Deutschland stehen schlecht für ihn.

»Ich hatte viel gethan und gelitten, und als die Sonne der Juliusrevoluzion in Frankreich aufging, war ich nachgerade sehr müde geworden und bedurfte einiger Erholung. Auch ward mir die heimathliche Luft täglich ungesunder, und ich mußte ernstlich an eine Veränderung des Climas denken. Ich hatte Visionen; die Wolkenzüge ängstigten mich und schnitten mir allerley fatale Fratzen. Es kam mir manchmal vor, als sey die Sonne eine preußische Cocarde; des Nachts träumte ich von einem häßlichen schwarzen Geyer, der mir die Leber fraß, und ich ward sehr melancholisch. Dazu hatte ich einen alten berliner Justizrath kennen gelernt, der viele Jahre auf der Festung Spandau zugebracht und mir erzählte, wie es unangenehm sey, wenn man im Winter die Eisen tragen müsse. Ich fand es in der That sehr unchristlich, daß man den Menschen die Eisen nicht ein bischen wärme. Wenn man uns die Ketten ein wenig wärmte, würden sie keinen so unangenehmen Eindruck machen, und selbst fröstelnde Naturen könnten sie dann gut ertragen; […]«37

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Anmerkungen

1  Heinrich Heine, Memoiren (DHA, Bd. 15, S. 61)
2  zumindest ist dieses Datum heute allgemein als Geburtsdatum genannt, wenn auch dazu Belege fehlen – siehe »Das Wichtigste ist, dass ich geboren bin«
3  Heinrich Heine, Reisebilder. Zweyter Theil. Ideen. Das Buch Le Grand (DHA, Bd. 6, S. 181)
4  Heinrich Heine, Memoiren (DHA, Bd. 15, S. 79)
5  Heinrich Heine, Memoiren (DHA, Bd. 15, S. 84)
6, 7, 12  Heinrich Heine, Memoiren (DHA, Bd. 15, S. 63)
8  Heinrich Heine an Christian Sethe am 6. Juli 1816 (HSA Bd. 20, S. 17)
9  Ein Anagramm aus »Harry Heine. Duesseldorff«
10  Heinrich Heine an Christian Sethe am 20. November 1816 (HSA Bd. 20, S. 21)
11  Heinrich Heine an Christian Sethe am 20. November 1816 (HSA Bd. 20, S. 22)
13  Heinrich Heine, Memoiren (DHA, Bd. 15, S. 64)
14  Heinrich Heine, Die Romantik (DHA, Bd. 10, S. 194)
15  »Die Kabinettsordre Friedrich Wilhelms III. vom 18. August 1822, die sich auf Gans' Bemühen bezog, eine Anstellung als außerordentlicher Professor der Rechte an der Berliner Universität zu erhalten, hob das Recht zur Bekleidung akademischer Lehr- und Schulämter an preußischen Universitäten auf, das den Juden durch das Edikt vom 11. März 1812 gegeben worden war.« (HSA Bd. 20K S. 54).
16  Heinrich Heine an Moritz Embden am 2. Februar 1823 (HSA Bd. 20, S. 70)
17, 20, 22  Vorlesungen zitiert nach Fritz Mende in »Heinrich Heine - Chronik seines Lebens und Werkes«, 1. Auflage - Berlin 1970
18  Heinrich Heine an Friedrich von Beughem am 15. Juli 1820 (HSA Bd. 20, S. 24)
19  Heinrich Heine an Friedrich von Beughem am 9. November 1820 (HSA Bd. 20, S. 33)
21  Heinrich Heine an Heinrich Straube Anfang März 1821 (HSA Bd. 20, S. 41)
23  Heinrich Heine an Immanuel Wohlwill am 7. April 1823 (HSA Bd. 20, S. 73)
24  Heinrich Heine an Karl Immermann am 10. Juni 1823 (HSA Bd. 20, S. 90f)
25  Heinrich Heine an Friedrich Wilhelm Gubitz am 21. Oktober 1823 (HSA Bd. 20, S. 119)
26  Heinrich Heine an Moses Moser am 18. Juni 1823 (HSA Bd. 20, S. 96)
27  Heinrich Heine an Charlotte Embden am 6. November 1823 (HSA Bd. 20, S. 120)
28, 29  Heinrich Heine an Moses Moser am 30. September 1823 (HSA Bd. 20, S. 113)
30  Heinrich Heine, Reisebilder. Erster Theil. Die Harzreise (DHA, Bd. 6, S. 134)
31  Heinrich Heine, Reisebilder. Zweyter Theil. Ideen. Das Buch Le Grand (DHA, Bd. 6, S. 208)
32  Heinrich Heine an Karl Immermann am 14. Oktober 1826 (HSA Bd. 20, S. 262)
33  Heinrich Heine an Eduard von Schenk am 1. September 1828 (HSA Bd. 20-27R, S. 298)
34, 35  Karl August Varnhagen von Ense an Heinrich Heine am 9. Januar 1831 (HSA Bd. 24, S. 72)
36  Heinrich Heine, Einleitung zum »Don Quixote« (DHA, Bd. 10, S. 253)
37  Heinrich Heine, Geständnisse (DHA, Bd. 15, S. 23)

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