Heinrich Heine – Biografie Teil 2 (1831-1856)
Neuanfang in Paris
»Da ich nun wirklich einer Aufheiterung bedurfte, und Spandau zu weit vom Meere entfernt ist, um dort Austern zu essen, und mich die Spandauer Geflügelsuppen nicht sehr lockten, und auch obendrein die preußischen Ketten im Winter sehr kalt sind und meiner Gesundheit nicht zuträglich seyn konnten, so entschloß ich mich, nach Paris zu reisen und im Vaterland des Champagners und der Marseillaise jenen zu trinken und diese letztere, nebst En avant marchons und Lafayette aux cheveux blancs, singen zu hören.«1
Heine verlässt im Mai 1831 Hamburg, wo er sich »nicht sicher«2 fühlt und begibt sich über Frankfurt und Straßburg nach Paris. Er ist begeistert von dieser pulsierenden Metropole mit rund 800.000 Einwohnern.
»In zwanzig Minuten war ich in Paris, und zog ein durch die Triumphpforte des Boulevards Saint-Denis, die ursprünglich zu Ehren Ludwigs XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente. Wahrhaft überraschte mich die Menge von geputzten Leuten, die sehr geschmackvoll gekleidet waren wie Bilder eines Modejournals. Dann imponirte mir, daß sie alle französisch sprachen, was bey uns ein Kennzeichen der vornehmen Welt; hier ist also das ganze Volk so vornehm wie bey uns der Adel. Die Männer waren alle so höflich, und die schönen Frauen so lächelnd. Gab mir jemand unversehens einen Stoß, ohne gleich um Verzeihung zu bitten, so konnte ich darauf wetten, daß es ein Landsmann war; und wenn irgend eine Schöne etwas allzu säuerlich aussah, so hatte sie entweder Sauerkraut gegessen, oder sie konnte Klopstock im Original lesen. Ich fand alles so amüsant, und der Himmel war so blau und die Luft so liebenswürdig, so generös, und dabey flimmerten noch hie und da die Lichter der Julisonne; die Wangen der schönen Lutezia waren noch roth von den Flammenküssen dieser Sonne, und an ihrer Brust war noch nicht ganz verwelkt der bräutliche Blumenstrauß. An den Straßenecken waren freylich hie und da die liberté, égalité, fraternité schon wieder abgewischt.«3
Obwohl Heine sich in Paris wohlfühlt, schleicht sich doch auch Wehmut ein, da er seine Heimat verloren hat. Wenige Wochen nach seiner Ankunft schreibt er an seinen Freund Varnhagen: »Fliehen wäre leicht, wenn man nicht das Vaterland an den Schuhsolen mit sich schleppte! Ich parodire Danton mit Schmerzen. Es ist schmerzlich, im Luxenburg spatzieren zu gehen und überall ein Stück Hamburg oder ein Stück Preußen oder Bayern an den Schuhsolen mit sich herum zu schleppen!«4 Er hatte nicht die Absicht, bis zu seinem Tod in Paris zu bleiben; lediglich ein längerer Aufenthalt dort war geplant. Die Verhältnisse in Deutschland, wo ihm später eine Verhaftung drohte und letztendlich seine Erkrankung sorgten jedoch dafür, dass er Deutschland nur noch zu zwei Besuchen 1843 und 1844 wiedersah.
Heine schreibt für Deutschland über Frankreich und für Frankreich über Deutschland. Bereits im Oktober und November 1831 erscheinen im Morgenblatt für gebildete Stände seine Artikel über die Gemäldeausstellung in Paris, die Heine schon bald nach seiner Ankunft in Paris besucht. Im Dezember 1831 beginnt er reglmäßig Artikel für die Augsburger Allgemeine Zeitung zu schreiben. Im Frühjahr 1832 erlebt Heine die Cholera-Epidemie in Paris und muss sich dabei auch um die Pflege seines Vetters Carl kümmern, der während eines Parisbesuchs erkrankt. Heinrich Heine selbst erkrankt nicht und kann den deutschen Lesern über die schwierige Zeit in Paris berichten. Bis September 1832 erscheinen Heines Berichte, die er als Buch 1833 unter dem Titel Französische Zustände bzw. in französcher Sprache als De la France veröffentlicht. In L’Europe littéraire und Revue des Deux Mondes beginnt Heine ab 1833 Artikel über die Deutsche Literatur und Philosophie zu schreiben.
Gesellschaftliches Leben
»Fragt Sie jemand wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: wie ein Fisch im Wasser. Oder vielmehr, sagen Sie den Leuten; daß, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: ich befinde mich wie Heine in Paris.«5
Bibliotheken, Theater, Konzertsäle, Austellungen, Salons – Heine nimmt rasch nach seiner Ankunft intensiv am gesellschaftlichen Leben der Metropole teil. Er lernt Komponisten, Autoren und Politiker kennen und verkehrt oft mit ihnen. Zu seinem Umgang zählen Menschen wie Alexander von Humboldt, Franz Liszt, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Alexandre Dumas, Chopin und Rossini. Er isst gerne und gut und verbringt die Sommer regelmäßig außerhalb von Paris, häufig am Meer. Die finanzielle Unterstützung seines Onkels Salomon Heine sowie die Erträge seiner schriftstellerischen Arbeit erlauben ihm das Leben des gehobenen Bürgertums, wobei Heine bezüglich der Wahl seiner Wohnungen sehr bescheiden bleibt.
Ein Streit mit seinem Onkel schneidet ihn von Herbst 1836 bis zum Januar 1839 von dessen finanzieller Unterstützung ab, jedoch hilft ihm ein lukrativer Vertrag, den er im April 1837 mit seinem Verleger Julius_Campe über die Gesamtausgabe seiner Werke abschließt, seinen Lebensstandard zu halten. Später unterstützt auch die Familie Rothschild den Dichter durch Beteiligungen an Aktiengeschäften.
Evolution oder Revolution?
»Am Herde des ehrlichen Tom im Ratcliff brodelt schon die große Suppenfrage, worin jetzt tausend verdorbene Köche herumlöffeln und die täglich schäumender überkocht.«6
Die »große Suppenfrage« hatte Heine schon lange beschäftigt und bereits in den Monaten vor seiner Abreise nach Paris las er Schriften des Saint-Simonismus, seines »neuen Evangeliums«7. So ist es nur natürlich, dass er in Paris Versammlungen der Saint-Simonisten besucht und später auch frühzeitig den aufkeimenden Kommunismus wahrnimmt. Schon kurz nach seiner Ankunft in Paris trifft er Michel Chevalier, den Chefredakteur der Zeitung Le Globe. »Die Zeitung war 1830 von den Saint-Simonisten übernommen worden und erschien seit 1831 den Untertitel ›Journal de la doctrine saintsimonienne‹ versehen.«8 Le Globe druckt ab Januar 1832 Artikel von Heine und umgekehrt liest Heine regelmäßig diese Zeitung. »Heines intensive ›Globe‹-Lektüre wird von einer nahezu vollständigen Sammlung der Zeitung vom 15. Juni 1831 bis zum 20. April 1832, also bis zu ihrem Ende, bezeugt, die sich mit Anstreichungen in seiner Nachlaßbibliothek gefunden hat.«9
Heinrich Heine beschreibt die revolutionären Strömungen, zeigt dabei teilweise offene Sympathie, aber eine evolutionäre Entwicklung ist letztendlich doch das, was er sich wünscht. An Campe schreibt er, dass sein »Revoluzionsgeist sich nicht an die Thätigkeit der rohen Menge wendet, sondern an die Bekehrung der Höchstgestellten.«10 Nicht die Abschaffung von Genüssen für die Priviligierten, sondern »Zuckererbsen für Jedermann«11 ist das Ziel, das Heine erreicht sehen will. »Schon hier auf Erden möchte ich, durch die Segnungen freyer politischer und industrieller Instituzionen jene Seligkeit etabliren, die, nach der Meinung der Frommen, erst am jüngsten Tage, im Himmel, statt finden soll.«12
Zu den deutschen Republikanern, von denen vor allem Ludwig Börne bekannt ist, hält Heine dementsprechend ideologisch und zunehmend auch im Alltag Abstand, da sein »Streben kein politisch revoluzionäres ist, sondern mehr ein philosophisches, wo nicht die Form der Gesellschaft sondern ihre Tendenz beleuchtet wird.«13 Schon 1835 schrieb Heine an Heinrich Laube:
»denn die politischen Staatsformen und Regierungen sind nur Mittel; Monarchie oder Republik, Demokratische oder Aristokratische Instituzionen sind gleichgültige Dinge solange der Kampf um erste Lebensprinzipien, um die Idee des Lebens selbst, noch nicht entschieden ist. Erst später kommt die Frage durch welche Mittel diese Idee im Leben realisirt werden kann, ob durch Monarchie oder Republik oder durch Aristokrazie, oder gar durch Absolutismus … für welchen letzteren ich gar keine große Abneigung habe.«14
Zensurschwert und Verbot
»Und in der That, wenn es schon hinlänglich betrübsam ist, daß ich, ein Dichter Deutschlands, fern vom Vaterlande, im Exile leben muß: so wird es gewiß jeden fühlenden Menschen doppelt schmerzen, daß ich jetzt noch obendrein meines literarischen Vermögens beraubt werde, meines geringen Poetenvermögens, das mich in der Fremde wenigstens gegen physisches Elend schützen konnte.«15
Schon seit 1919 herrschte durch die Karlbader Beschlüsse eine strenge Zensur im Deutschen Bund. Nachdem dann am 5. Juli 1832 mit den zehn Artikeln neue Zensurbestimmungen eingeführt worden waren und mit den sechzig Artikeln vom 12. Juni 1834 eine weitere Ausweitung der Zensurmaßnahmen erfolgte, kommt es am 10. Dezember 1835 für Heine zu einer weiteren Verschärfung der Zensurpolitik in den deutschen Staaten: die »Schriften aus der unter der Bezeichnung ›das junge Deutschland‹ oder ›die junge Literatur‹ bekannten literarischen Schule, zu welcher namentlich Heinr. Heine. Carl Gutzkow, Heinr. Laube, Ludolph Wienbarg und Theodor Mundt gehören […]«16 werden verboten. Der Schriftsteller, der im Begriff war, von seinen literarischen Arbeiten leben zu wollen, ist damit einer wichtigen Einnahmequelle beraubt. Heines Protestschreiben, das die Augsburger Allgemeine Zeitung und der Hamburger Correspondent im Januar 1836 drucken, bleibt ohne Echo, jedoch ergeht am 16. Februar 1836 ein preußischer Erlass, dass Schriften, die vorher die preußische Zensur durchlaufen hatten, vom Verbot ausgenommen sind. Schreiben ist immerhin wieder möglich, aber durch die drohende Zensur gilt es jetzt mehr denn je mit einer »Schere im Kopf« zu schreiben, um die Texte vor einer Verstümmelung durch den Zensor zu schützen. Über seine Qualen der Selbstzensur schreibt Heine seinem Verleger: »Sie kennen, liebster Campe, die bittere Stimmung nicht worin mich die Nothwendigkeit versetzt jeden Gedanken den ich denke im Kopfe gleich zu zensiren, zu schreiben, während das Censurschwert an einem Haare über meinem Kopfe hängt – das ist um wahnsinnig zu werden!«17
1840 beginnt Heine erneut Berichte für die Augsburger Allgemeine Zeitung zu schreiben. Die Artikel von 1840 bis 1843 dieser bis 1848 andauernden Korrespondententätigkeit erscheinen 1854 als Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben in Vermischte Schriften. Ebenfalls 1840 erschließt sich für Heine eine neue Einnahmequelle: durch den französischen Staat erhält Heine bis zur Revolution von 1848 eine Jahresrente.
Glückliche Liebe
»Den 31 August heurathete ich Mathilde Creszentia Mirat, eine hübsche junge Person mit der ich mich schon länger als sechs Jahr tagtäglich zanke.«18
1834 lernt Heine Augustine Crescence Mirat kennen, eine 19 Jahre alte Frau, die man wohl als hübsch, temperamentvoll und ungebildet beschreiben kann. 1836 zieht man zusammen, und am 31. August 1841 heiratet Heine, »um M.'s Posizion in der Welt zu sichern,«19 seine »Mathilde« kurz vor dem Duell mit Salomon_Strauss, bei dem Heine leicht verletzt wird und sein Gegner unverletzt bleibt.
Heine lässt ihr Unterricht geben, versucht sie etwas zu zähmen, doch letztendlich bleibt sie temperamentvoll und unberechenbar. Die Liebe zu seiner Frau, aber auch die Sorgen und Nöte, die er mit »Mathilde« hat, bringt Heine in einem Brief an seine Mutter auf den Punkt:
»Sie ist ein kreuzbraves, ehrliches, gutes Geschöpf, ohne Falsch und Böswilligkeit. Leider aber ist ihr Temperament sehr ungestüm, ihre Laune nicht gleich, und sie irritirt mich manchmal mehr als mir heilsam ist. Ich bin ihr noch immer mit tiefster Seele zugethan, sie ist noch immer mein innigstes Lebensbedürfniß – aber das wird doch einmal aufhören, wie alle menschliche Empfindungen mit der Zeit aufhören, und diesem Zeitpunkt sehe ich mit Grauen entgegen. Ich werde alsdann nur die Launenlast empfinden ohne die erleichternde Sympathie. – Zu andern Stunden quält mich die Angst vor der Hülflosigkeit u Rathlosigkeit meiner Frau im Fall ich stürbe; denn sie ist unerfahren und rathlos wie ein dreyjähriges Kind!«20
Letzte Besuche in Deutschland
»Hab auch auf meiner Reise mancherley Verse gemacht, die mir mit größerer Leichtigkeit gelingen, wenn ich deutsche Luft athme. Von künftigen Aufenthalten in Deutschland verspreche ich mir viel poetische Früchte und ich kann es als Poet noch zu etwas bringen.«21
Im Oktober 1843 reist Heine nach zwölf Jahren erstmals wieder nach Deutschland. Anders als im Wintermärchen beschrieben, reist er über Brüssel, Köln, Münster und Bremen nach Hamburg. neben dem lange ersehnten Wiedersehen mit der Familie stehen Verhandlungen mit seinem Verleger auf dem Plan. Die Rückreise führt ihn über Hannover, Minden, Padeborn, Hagen Köln und Aachen, was in umgekehrter Reihenfolge der Reiseroute in Deutschland. Ein Wintermärchen entspricht, wieder nach Brüssel und von dort am 16. Dezember nach Paris.
Eine zweite und letzte Deutschlandreise unternimmt Heine im Juli 1844. Um nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf preußischem Boden verhaftet zu werden, erfolgt die Hinreise per Schiff über Le Havre. Bei dieser Reise begleitet ihn Mathilde, die die Familie schon beim vorhergehenden Besuch gerne kennengelernt hätte. Nach zwei Wochen jedoch reist seine Frau wieder ab, was Heine mit Sorge und Unruhe erfüllt, wahrend er sich mit Campe um den Druck der Neuen Gedichte und des Wintermärchens kümmert. Im Oktober 1844 tritt Heine die Rückreise per Schiff über Amsterdam an.
Revolution
»Der Spektakel hat mich physisch und moralisch sehr heruntergebracht. Ich bin so entmuthigt, wie ich es nie war. Will jetzt ganz ruhig leben und mich um nichts mehr bekümmern.«22
Die Februarrevolution in Paris erlebt Heine 1848 hautnah mit und man kann nicht sagen, dass er sie begrüßt hätte. Enttäuscht beschreibt Heine, der von der Julirevolution 1830 noch in Euphorie versetzt wurde, seine Stimmung:
»Meine Gefühle bei dem Umschwung, den ich unter meinen Augen vor sich gehen sah, können Sie sich leicht vorstellen. Sie wissen, daß ich kein Republikaner war, und werden nicht erstaunt sein, daß ich noch keiner geworden. Was die Welt jetzt treibt und hofft, ist meinem Herzen völlig fremd, ich beuge mich vor dem Schicksal, weil ich zu schwach bin, ihm die Stirn zu bieten, aber ich mag ihm den Saum seines Kleides nicht küssen, um keinen nackteren Ausdruck zu gebrauchen … Daß ich einen Augenblick furchtbar bewegt wurde, daß es mir kalt über den Rücken und die Arme hinauf wie stechende Nadeln lief, Das wird Sie nicht verwundern. Nun, es ist vorüber gegangen. […] Gerne wollte ich aus dem mich beängstigenden Getümmel des öffentlichen Lebens wegflüchten, in den unvergänglichen Frühling der Poesie und der unvergänglichen Dinge, wenn ich nur besser gehen könnte und nicht so krank wäre.«23
Matratzengruft
»Es war im May 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postamente steht. Zu ihren Füßen lag ich lange und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Stein erbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, daß ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?«24
Seit 1832 traten in verschiedener Ausprägung neurologische Ausfälle bei Heine auf, die letztendlich in die Matratzengruft führen sollten. Er leidet unter wechselnden Lähmungserscheinungen, Gefühls- und Sehstörungen. Zwischenzeitlich kommt es zwar immer wieder zu Besserungen, aber insgesamt verschlechtert sich sich sein Gesundheitszustand im Verlauf der folgenden Jahre und schließlich treten auch Sprech- und Schluckstörungen sowie heftige Schmerzen auf.
»Ich weiß nicht woran ich bin und keiner meiner Aerzte weiß es. So viel ist gewiß, daß ich in den letzten 3 Monaten mehr Qualen erduldet als jemals die spanische Inquisition ersinnen konnte. Dieser lebendige Tod, dieses Unleben, ist nicht zu ertragen, wenn sich noch Schmerzen dazu gesellen. […] Wenn ich auch nicht gleich sterbe, so ist doch das Leben für mich auf immer verloren und ich liebe doch das Leben mit so inbrünstiger Leidenschaft. Für mich giebt es keine schöne Berggipfel mehr, die ich erklimme, keine Frauenlippe, die ich küsse, nicht mal mehr ein guter Rinderbraten in Gesellschaft heiter schmausender Gäste; meine Lippen sind gelähmt wie meine Füße, auch die Eßwerkzeuge sind gelähmt ebensosehr wie die Absonderungskanäle. Ich kann weder kauen noch kacken, werde wie ein Vogel gefüttert. Dieses Unleben ist nicht zu ertragen.«25
Damit ist es 1848 dann so weit, dass er – unfähig zu gehen – das Haus nicht mehr verlassen kann. Es beginnt eine lange Leidenszeit. Verschlimmerungen der Krankheit wechseln weiterhin mit leichten Besserungen, aber eine Hoffnung auf Genesung besteht für ihn nicht.
»[…] kein grünes Blatt rauscht herein in meine Matratzengruft zu Paris, wo ich früh und spat nur Wagengerassel, Gehämmer, Gekeife und Claviergeklimper vernehme. Ein Grab ohne Ruhe, der Tod ohne die Privilegien der Verstorbenen, die kein Geld auszugeben und keine Briefe oder gar Bücher zu schreiben brauchen – das ist ein trauriger Zustand. Man hat mir längst das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß solches nachgrade langweilig wird, für mich wie für meine Freunde.«26
Über die Ursache von Heines Erkrankung ist viel geschrieben worden, darunter auch vieles, das einer kritischen neurologischen Betrachtung nicht standhalten kann. Es ist davon auszugehen, dass Heinrich Heine, wie er es selbst annahm, an der »maladie des hommes heureux«27 (zu deutsch: »Krankheit der glücklichen Männer«) litt, also an einer Geschlechtskrankheit – und zwar an der Syphilis in Form einer chronisch verlaufenden meningo-vaskulären Lues.28
Neue Kreativität
»Nichtsdestoweniger habe ich in der jüngsten Zeit noch einiges gedichtet, wovon ich Dir vielleicht eins oder das andere zuschicken werde. Ich habe dadurch meinen Geist manchmal aus seinem Trübsinn in andere Gebiete zu lenken gesucht; doch auch diese Ressource wird bald vertrocknet seyn, da mein Kopf durch die vielen Schmerzen den Gesichts- und Kinnladenkrampf, so wie auch durch die Opiate sehr ermüdet und gedankenlos wird.«29
Nachdem Heine sich so gut es ging an den Schrecken der Matratzengruft gewöhnt hat, tritt eine neue Schaffensperiode ein. 1851 erscheint die Gedichtsammlung Romanzero. Gerade in der Lyrik hat der kranke Poet die Möglichkeit, sich mit seiner Erkrankung auseinanderzusetzen. 1852 beginnt Heine seine Artikel für die Augsburger Allgemeine Zeitung aus den Jahren 1840 bis 1848 zu sammeln und für die Herausgabe in einem Buch zu bearbeiten. Nicht zuletzt dadurch, dass sich Autor und Verleger nicht über das Honorar einigen können, zieht sich diese Arbeit über zwei Jahre hin. 1854 werden schließlich die Vermischten Schriften I - III herausgegeben, in denen neben älterer und neuerer Prosa auch die Gedichte 1853 und 1854 enthalten sind.
Bekehrung?
»Für Menschen, denen die Erde nichts mehr bietet, ward der Himmel erfunden … Heil dieser Erfindung! Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goß, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!«30
Opium ist in den Jahren der Matratzengruft das Heilmittel, das Heines Schmerzen noch teilweise lindern kann. Offensichtlich ist zusätzlich auch etwas »geistiges Opium« notwendig, um das Leid ertragen zu können. Heine scheidet friedlich und in Freundschaft von den Göttern seiner sensualistischen Welt. »Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele.«31 Von einer Bekehrung kann man also sicherlich sprechen. Aber auch hier bleibt Heine ein frei denkender Geist; so schreibt er 1851 im Nachwort zum Romanzero:
»Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgend einer Kirche oder gar in ihren Schooß geführt. Nein, meine religiösen Ueberzeugungen und Ansichten sind frey geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und Freundschaft.«32
Drastischer drückte es Heine ein Jahr zuvor in einem Brief an seinen Verleger aus: »Es sind große, erhabne, schauerliche Gedanken über mich gekommen, aber es waren Gedanken, Blitze des Lichtes und nicht die Phosphordünste der Glaubenspisse.«33
Siehe auch: Die Glaubensfrage
Ein letztes Mal verliebt
»Ohne Unterlaß denk ich an die Mouche, aber ich will sie weder heute (Dienstag) noch morgen sehn: – ich bin sehr krank! – Aber für Donnerstag zähle ich auf die holdeste Mouche.«34
Elise Krinitz wird Heines letzte große Liebe. Nach ihrem ersten Besuch im Juni 1855 bittet er sie wiederzukommen: »Sie haben einen äußerst vortheilhaften Eindruck hinterlassen u ich sehne mich nach dem Vergnügen, Sie recht bald wiederzusehen. […] Ich weiß nicht, warum Ihre liebreiche Theilnahme mir so wohl thut, und ich abergläubischer Mensch mir einbilden will, eine gute Fee besuche mich in trüber Stunde.«35 Bis zuletzt besucht die »Mouche«, wie Heine sie nach ihrem Siegel nennt, den Dichter in seiner Matratzengruft und weckt seine Lebensgeister. »Ich liebe Sie mit todtkranker, innigster Zärtlichkeit«36 schreibt er ihr und bedauert in seinen letzten Liebesgedichten an die »Mouche«, dass er seinen Worten keine Taten folgen lassen kann.
Das Ende
»Wenn ich mich zur Zeit meines Ablebens in Paris befinde und nicht zu weit von Montmartre entfernt wohne, so wünsche ich auf dem Kirchhofe dieses Namens beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege, wo ich lange Jahre hindurch gewohnt habe.«37
Am 17. Februar 1856 stirbt Heine, nach Brechanfällen, die sich seit zwei Tagen nicht mehr lindern ließen. Am 19. wird die Totenmaske abgenommen und 20. Februar wird Heine, wie er es sich wünschte und testamentarisch verfügt hatte, auf dem Montmartre-Friedhof beigesetzt.
Epilog.
Unser Grab erwärmt der Ruhm.
Thorenworte! Narrenthum!
Eine beßre Wärme giebt
Eine Kuhmagd, die verliebt
Uns mit dicken Lippen küßt
Und beträchtlich riecht nach Mist.
Gleichfalls eine beßre Wärme
Wärmt dem Menschen die Gedärme,
Wenn er Glühwein trinkt und Punsch
Oder Grog nach Herzenswunsch
In den niedrigsten Spelunken,
Unter Dieben und Halunken,
Die dem Galgen sind entlaufen,
Aber leben, athmen, schnaufen,
Und beneidenswerther sind,
Als der Thetis großes Kind —
Der Pelide sprach mit Recht:
Leben wie der ärmste Knecht
In der Oberwelt ist besser,
Als am stygischen Gewässer
Schattenführer seyn, ein Heros,
Den besungen selbst Homeros.38