Die Glaubensfrage
Fundamente
Heine entstammt einer jüdischen Familie, die von mütterlicher Seite seit geraumer Zeit in Düsseldorf ansässig war. Heines Mutter »war eine Schülerinn Rousseaus, hatte dessen Emile gelesen, säugte selbst ihre Kinder, und Erziehungswesen war ihr Steckenpferd.«1 – sie war also ein Kind der Aufklärung und hatte sich mit Rousseaus Erziehungstheorie2 beschätigt. »Ihr Glauben war ein strenger Deismus, der ihrer vorwaltenden Vernunftrichtung ganz angemessen.«3 Einen vernünftigen, also aufgeklärten Glauben bescheinigt ihr Heine damit. »Sie spielte die Hauptrolle in meiner Entwicklungsgeschichte. Sie machte die Programme aller meiner Studien und schon vor [!] meiner Geburt begannen ihre Erziehungsversuche.«4 Das war also die erste Grundlage der Entwicklung Heines, auf die der Unterricht bei Pater Schallmeyer, dem Rektor des Düsseldorfer Lyceums, aufbauen konnte.
»Aus den frühesten Anfängen erklären sich die spätesten Erscheinungen. Es ist gewiß bedeutsam, daß mir bereits in meinem dreyzehnten Lebensjahr alle Systeme der freyen Denker vorgetragen wurden und zwar durch einen ehrwürdigen Geistlichen, der seine sacerdotalen [priesterlichen – von lat. sacerdotalis] Amtspflichten nicht im Gringsten vernachläßigte, so daß ich hier frühe sah wie ohne Heucheley Religion und Zweifel ruhig neben ein ander gingen, woraus nicht bloß in mir der Unglauben sondern auch die toleranteste Gleichgültigkeit entstand.«5
Judentum
An Edom!
Ein Jahrtausend schon und länger,
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest daß ich athme,
Daß du rasest dulde Ich.
Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Muth,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!
Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie Du.6
Judentum ist nicht nur eine Frage des Glaubens, sondern in weiten Teilen der Geschichte auch eine soziale und politische Frage, die mit Ausgrenzung, Unterdrückung, Entrechtung und Verfolgung zu tun hat. Heine beschreibt das Judentum in Das neue Israelitische Hospital zu Hamburg als »Das tausendjährige Familienübel, / Die aus dem Nylthal mitgeschleppte Plage, / Der altegyptisch ungesunde Glauben. / […] / Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater / Herunter auf den Sohn«7 Doch zur »Plage« wurde die jüdische Anstammung nicht aus sich heraus, sondern durch die sozialen Bedingungen.
Heine erklärt seine Berufung aus seiner Abstammung: »Daß ich aber einst die Waffen ergriff, dazu war ich gezwungen durch fremden Hohn, durch frechen Geburtsdünkel – in meiner Wiege lag schon meine Marschroute für das ganze Leben.«8 Er hatte die jüdische Kultur in Kindheit und Jugend kennengelernt, hatte als Kind etwas hebräisch gelernt und sich als Student dem Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden angeschlossen. Vor allem ab dieser Zeit beschäftigte er sich mit der jüdischen Geschichte und betrieb sein Quellenstudium – zum einen für den als Roman angelegten Rabbi von Bacherach, zum anderen aber auch aus persönlichen Gründen.
»Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium und ganz besonders viel historia judaica. Letztere wegen Berührung mit dem Rabbi, und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich wenn ich jene traurige Analen durchblättre; eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird mir gewiß in der Folge sehr zu statten kommen.«9
Er war kein gläubiger Jude, aber aus dem Wissen heraus, was »christliche Liebe« über Jahrhunderte den Juden angetan hat und was Juden auch noch in seiner Zeit erdulden müssen, findet Heine zu seiner Identifikation mit dem Judentum. »Aber erst unter dem Eindruck des Berliner Kulturvereins entwickelte Heine ein jüdisches Selbstbewußtsein, und entsprechend ändert sich auch erst danach seine Einstellung zu jüdischen Themen.«10 Seinem Schwager schreibt er 1823: »Ich bin ebenfals Indifferentist, und meine Anhänglichkeit an das Judenwesen hat seine Wurzel bloß in einer tiefen Antipathie gegen das Christenthum. Ja, ich, der Verächter aller positiven Religionen, werde vielleicht einst zum krassesten Rabinismus übergehn, eben weil ich diesen als ein probates Gegengift betrachte.«11 Damit ist also die Stellung Heines zum »Judenwesen«, oder Judentum, wie wir heute sagen, umrissen; er beschreibt eine »Anhänglichkeit«, steht aber dem Glauben als »Verächter« gegenüber, was als säkulares Judentum bezeichnet werden kann.
Heines Interesse für das Judentum und sein Gefühl der Zugehörigkeit hörten nach der Taufe nicht auf. »Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den Gejagten«12 schreibt er 1826 in den Reisebilden. Insgesamt äußert sich Heine aber bis in die 1830er Jahre nur wenig zu jüdischen Themen. Als 1840 in Damaskus Juden eines Ritualmords bezichtigt werden, schreibt er darüber für die Augsburger Allgemeine Zeitung, und er veröffentlicht sein Fragment des Rabbi von Bacherach. »Heines jüdisches Engagement wurde durch die Vorfälle in Damaskus erneuert, und zwar erkennbar schlagartig.«13 Zu Beginn seiner »Matratzengruft« bekennt er »ich bin kein lebensfreudiger etwas wohlbeleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener heiter herablächelt – ich bin jetzt nur ein armer todtkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch!«14 Und in seinen letzten Lebensjahren entstehen die Hebräischen Melodien im Romanzero. 1853 beauftragt er seinen Verleger, ihm eine antijüdische Hetzschrift aus dem Jahr 1700 zu besorgen: »Können Sie Eisenmengers ›Entdecktes Judenthum‹ geliehen bekommen und mir mitschicken, so wäre mir das sehr ersprießlich, da ich es hier nicht auftreiben kann.«15
Jochanan Trilse-Finkelstein fasst zusammen, dass Heine, trotz Atheismus, Assimilation und Taufe, Jude war und blieb:
»Heines Begriff vom Judesein ist nicht ganz homogen, doch sehr umfassend als Volks-, Kultur- und Religionsbegriff, als ein sehr geistiger und als sehr politischer – als der des politisch-kulturell Verfolgten. Heine war nicht fromm, aber Jude. In jedem Volk gibt es fromme und nichtreligiöse Menschen. Und so gibt es fromme und säkulare Juden. Man kann aus einer Gemeinde austreten, eine Religion aufgeben, sich auch evangelisch taufen lassen, katholisch heiraten, eine Staatsbürgerschaft verlassen – doch nie aus seinem Volk und über lange Zeit – meist erst nach Generationen – nicht aus seiner Kultur.«16
Heine hat das schon bald nach seiner Taufe erkannt. »Es ist aber ganz bestimmt daß es mich sehnlichst drängt dem deutschen Vaterlande Valet zu sagen. Minder die Lust des Wanderns als die Qual persönlicher Verhältnisse (z. B. der nie abzuwaschende Jude) treibt mich von hinnen.«17 Er selbst konnte sich das Judentum nicht abwaschen, was er auch nicht wollte, und verschiedene Zeitgenossen haben seine jüdische Abstammung immer wieder thematisiert, so dass er von Gegnern spricht, die ihn »gern in die Synagoge verwiesen«18 – eine externe Zuweisung der jüdischen Identität, die bis zu seinem Tode und weit darüber hinaus zu Schmähungen benutzt wurde. »Als mich die Pfaffen in München zuerst angriffen und mir den Juden zuerst aufs Tapet brachten, lachte ich – ich hielts für bloße Dummheit.«19 Doch in dieser Dummheit steckte System, wie Heine selbst feststellte und so begann er jüdische Themen schriftstellerisch offensiver aufzugreifen.
Etwas überraschend ist es, in Biografien und Kommentaren zu lesen, dass Heine sein Judentum zumindest zeitweise verheimlicht habe.20 Sicher, Heine hat keinen gelben Fleck an der Kleidung getragen, was im 19. Jahrhundert auch nicht mehr üblich war, er trug als assimilierter und säkularer Jude keinen Bart und wenn er Menschen begegnete, hat er wohl auch nicht als erstes seine Konfession genannt. Einen Bericht von Gottlob Christian Grimm als Beleg für die Verheimlichung des jüdischen Ursprungs zu nehmen, erscheint doch sehr zweifelhaft. Grimm, der Heine taufte, schrieb im Mai 1825:
»Er [Heine] studiert in Göttingen die Jura und will nicht dort, wo man ihn kenne, sondern hier, wo er fremd sei, die Taufe empfangen, und zwar in aller Stille, damit seine Abstammung von jüdischen Eltern, die er schon als Knabe in den christlichen Schulen, welche er besucht, verheimlicht habe, nicht bekannt, und er, der immer für einen Christen sich ausgegeben und bisher dafür gegolten hat, nicht erst nach seinem Scheiden aus der jüdischen Gemeinde ein Jude genannt und mit dem Namen eines getauften Juden bezeichnet werde. Dringend bat er mich, sein Bekenntnis geheim zu halten, und führte als zweiten Grund an, daß er die bedeutende Unterstützung eines seiner israelitischen Verwandten verlieren würde, wenn es zur Kenntnis desselben gelangte, daß er dem Glauben seiner Väter entsagt habe.«21
Was kann man von dem glauben, was Heine dem Pfarrer in Heiligenstadt erzählte? Aus seiner Schulzeit berichtet er im Memoiren-Fragment die Geschichte, dass Harry Heine in der Franziskanerschule über seinen Großvater erzählte, dass sein »Großvater ein kleiner Jude war welcher einen langen Bart hatte«22 – und danach aufgrund des Tumults, den diese Äußerung auslöste, von seinem Lehrer Pater Dickerscheit eine »bedeutende Anzahl Prügel«23 erhielt. Heine schloss daraus: »jeder wird leicht begreifen daß ich seitdem keine große Neigung empfand nähere Auskunft über jenen bedenklichen Großvater und seinen Stammbaum zu erhalten oder gar dem großen Publikum wie einst dem kleinen dahinbezügliche Mittheilungen zu machen.«24 Man kann daraus ein Verheimlichen ableiten, doch zumindest Schulfreunde, wie beispielsweise Christian Sethe, blieben über Heines jüdische Herkunft nicht im Unklaren, wenn man liest, dass Heine Sethe gegenüber seine Gedichte als »Liebeslieder eines Juden«25 bezeichnet.
Oben ist bereits gesagt worden, dass sich bei Heine erst mit dem Beitritt zum Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden im Jahr 1822 ein tieferes jüdisches Bewußtsein entwickelt hat. Über die Zeit des Studiums lässt sich also behaupten, dass jemand, der seine Wurzeln verheimlichen will, sich wohl kaum dem jüdischen Kulturverein anschließen würde, was auch offensichtlich nicht unentdeckt bleibt: »Von meinem Oheim v. Geldern hab ich Brief erhalten, er schreibt mir daß ich am ganzen Rheinstrom jetzt eben so verhaßt sey wie ich sonst geliebt war, weil man dort sagt daß ich für die Juden mich interessire.«26 Als Zeitraum der »Verheimlichung« blieben also nur die Jahre 1819 bis 1822 übrig, wobei zu anzumerken ist, dass Heines jüdische Herkunft an der Bonner Hochschule bekannt war.27
Zuletzt ist zu Grimms Bericht zu festzustellen, dass Heines Familie sich für die Taufe ausgesprochen hat, wie im nächsten Absatz über die Taufe aufgezeigt wird. Dass Heine eine eher heimliche Taufe wünschte, hängt wohl damit zusammen, dass er sich mit diesem Schritt sehr schwer tat.
Taufe
Am 28. Juni 1825 wird Heine in Heiligenstadt auf den Namen Christian Johann Heinrich getauft. Bereits 1823 hatte man im Familienkreis darüber beraten und dem angehenden Juristen zur Taufe geraten:
»Wie Du denken kannst – kommt hier die Taufe zur Sprache. Keiner von meiner Familie ist dagegen, außer ich. Und dieser ich ist sehr eigensinniger Natur. Aus meiner Denkungsart kannst Du es Dir wohl abstrahiren daß mir die Taufe ein gleichgültiger Akt ist, daß ich ihn auch symbolisch nicht wichtig achte, und daß er in den Verhältnissen u auf der Weise wie er bey mir vollzogen werden würde, auch für Andere keine Bedeutung hätte. Für mich hätte er vielleicht die Bedeutung daß ich mich der Verfechtung der Rechte meiner unglücklichen Stammsgenossen mehr weihen würde. Aber dennoch halte ich es unter meiner Würde u meine Ehre befleckend wenn ich, um ein Amt in Preußen anzunehmen, mich taufen ließe. Im lieben Preußen!!!«28
Ohne Taufe keine staatliche Anstellung – so einfach war das in vielen Ländern des Deutschen Bundes bis zur Märzrevolution von 1848. Im September 1822 schrieb Heine in einem Brief »Ich hoffe später im Stande zu seyn den Katheder zu besteigen und der unmündigen Jugend die Vorzeit im Lichte der Wahrheit zu zeigen«29 und wusste zu diesem Zeitpunkt wohl noch nichts von der Kabinettsordre Friedrich Wilhelms III. vom 18. August 1822, die Juden das Recht zur Bekleidung akademischer Lehr- und Schulämter an preußischen Universitäten verweigerte. Im Gegensatz zum Emanzipationsedikt von 1812 erfolgte eine erneute Entrechtung der Juden. Von Julius Rubo, den Heine in seiner Berliner Zeit kennenlernte, wird berichtet, wie es einem jüdischen Juristen nach Aufhebung des Edikts erging:
»Nach einem Jurastudium in Göttingen und Berlin wurde 1817 in Halle als vermutlich erster jüdischer Jurist Preußens Julius Rubo zum Dr. beider Rechte promoviert, der sich dann aber vergeblich im Lande selbst wie auch in Hamburg, Holstein und Braunschweig um Zulassung zur Anwaltschaft bemühte. Ab 1820 wirkte Rubo als juristischer Privatdozent in Halle, bis er aufgrund der Kabinettsordre von 1822, die Juden den Zugang zu akademischen Lehrämtern wieder nahm, diese Stelle aufgeben mußte und 1824 Sekretär der Berliner jüdischen Gemeinde wurde. Die genannte Kabinettsordre raubte den Juristen die letzte Berufshoffnung.«30
O des heilgen Jugendmuthes!
O wie schnell bist du gebändigt!
Und du hast dich kühlern Blutes
Mit den lieben Her’n verständigt.
Und du bist zu Kreuz gekrochen
Zu dem Kreuz das du verachtest
Das du noch vor wenig Wochen
In den Staub zu treten dachtest!
O das thut das viele Lesen
Jener Schlegel, Haller, Burke.
Gestern noch ein Held gewesen
Ist man heute schon ein Schurke.31
Um also überhaupt eine Chance auf eine öffentliche Anstellung zu bekommen, entschied sich Heine also schließlich zur Taufe. »Indessen von meiner Seite wird alles geschehen; getauft, als Dr. Juris, und hoffentlich auch gesund werde ich nächstens nach Hamburg kommen.«32 In der Folgezeit haderte er jedoch mit diesem Entschluss, den er auch als Abkehr von seinen Idealen sah. »Es wär mir sehr leid wenn mein eignes Getauftseyn Dir in einem günstigen Lichte erscheinen könnte. Ich versichere Dich, wenn die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben.«33
Nutzen hatte Heine von seiner Taufe letztendlich nicht. Politisch hatte sich Heine in seinen Schriften bereits so weit profiliert, dass an eine Stellung im Staatsdienst weder in Hamburg, noch an anderen Orten des Deutschen Bundes zu denken war. Dazu kam das Problem des »nie abzuwaschenden Juden« (s.o.).
Pantheismus und Sensualismus
(Seraphine) VII.
Auf diesem Felsen bauen wir
Die Kirche von dem dritten,
Dem dritten neuen Testament;
Das Leid ist ausgelitten.
Vernichtet ist das Zweyerley,
Das uns so lang bethöret;
Die dumme Leiberquälerey
Hat endlich aufgehöret.
Hörst du den Gott im finstern Meer?
Mit tausend Stimmen spricht er.
Und siehst du über unserm Haupt
Die tausend Gotteslichter?
Der heilge Gott der ist im Licht
Wie in den Finsternissen;
Und Gott ist alles was da ist;
Er ist in unsern Küssen.34
»Ja, schon seit achtzehn Jahrhunderten dauert der Groll zwischen Jerusalem und Athen, zwischen dem heiligen Grab und der Wiege der Kunst, zwischen dem Leben im Geiste und dem Geist im Leben«35 schreibt Heine 1838. Die Gegensatzpaare Spiritualismus und Sensualismus, Nazarenertum und Hellenentum oder wie hier »Leben im Geiste« und »Geist im Leben« sind ab den 1830er Jahren ein häufiges Thema Heines. Ausgehend von seiner Beschäftigung mit dem Saint-Simonismus entwickelte Heine eine sensualistische Weltsicht. Gleichzeitig ist es eine pantheistische Sicht der Welt.
»Hatten aber die Juden den Leib nur mit Gringschätzung betrachtet, so sind die Christen auf dieser Bahn noch weiter gegangen, und betrachteten ihn als etwas Verwerfliches, als etwas Schlechtes, als das Uebel selbst.«36 Dieser Geringschätzung des Leibes setzt der sensualistische Pantheismus die »Rehabilitazion der Materie«37 bzw. die »Rehabilitazion des Fleisches«38 entgegen: »Die Menschheit ist aller Hostien überdrüssig, und lechzt nach nahrhafterer Speise, nach ächtem Brod und schönem Fleisch.«39
Einem Mißverständnis gilt es vorzubeugen: Hier geht es nur zu einem geringen Teil um eine sexuelle Befreiung. In erster Linie verbindet sich hier die Glaubensfrage mit der großen Suppenfrage. Das Diesseits soll wieder seinen Wert bekommen. Diese gleichzeitig pantheistische und sensualistische Philosophie lässt es nicht zu, Menschen und ihr irdisches Leben geringzuschätzen:
»Gott ist identisch mit der Welt. Er manifestirt sich in den Pflanzen, die ohen Bewußtseyn ein kosmischmagnetisches Leben führen. Er manifestirt sich in den Thieren, die in ihrem sinnlichen Traumleben eine mehr oder minder dumpfe Existenz empfinden. Aber am herrlichsten manifestirt er sich in dem Menschen, der zugleich fühlt und denkt, der sich selbst individuell zu unterscheiden weiß von der objektiven Natur, und schon in seiner Vernunft die Ideen trägt, die sich ihm in der Erscheinungswelt kund geben. Im Menschen kommt die Gottheit zum Selbstbewußtseyn, und solches Selbstbewußtseyn offenbart sie wieder durch den Menschen. […] und von der ganzen Menschheit kann man mit Recht sagen, sie ist eine Inkarnazion Gottes!«40
Damit gerät Heine sowohl mit Kirche und Staat in Konflikt, als auch mit den Republikanern, denen er entgegenhält: »Wir kämpfen nicht für die Menschenrechte des Volks, sondern für die Gottesrechte des Menschen. […] Ihr verlangt einfache Trachten, enthaltsame Sitten und ungewürzte Genüsse; wir hingegen verlangen Nektar und Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphentanz, Musik und Comödien«41.
Bekehrung
Die so genannte »Bekehrung« Heines ist Ende der 40er Jahre eingetreten. Im Dezember 1848 schreibt er seinem Bruder: »In meinen schlaflosen Marternächten verfaße ich sehr schöne Gebete, die ich aber doch nicht niederschreiben laße und die alle an einen sehr bestimmten Gott, nemlich an den Gott unserer Väter gerichtet sind.«42 Damit wird schon erkennbar, dass es sich nicht um eine christliche Bekehrung handelte. In den nächsten Jahren nahm er immer wieder Stellung zu diesem Thema und begegnete Gerüchten, die verbreitet wurden.
»Was man von meiner jetzigen Gläubigkeit und Frömmelei herum erzählt, ist mit vielem Unsinn und noch mehr Böswilligkeit vermischt. Es hat sich in meiner religiösen Gefühlsweise gar keine so große Veränderung zugetragen und das einzige innere Ereigniß, wovon ich Dir mit Bestimmtheit und mit Selbstbewußtseyn etwas melden kann, besteht darin, daß auch in meinen religiösen Ansichten und Gedanken eine FebruarRevoluzion eingetreten ist, wo ich an der Stelle eines frühern Prinzips, das mich doch früherhin ziemlich indifferent ließ, ein neues Prinzip aufstellte, dem ich ebenfalls nicht allzu fanatisch anhänge und wodurch mein Gemüthszustand nicht plötzlich umgewandelt werden konnte: ich habe nämlich, um Dir die Sache mit einem Worte zu verdeutlichen, den Hegelschen Gott oder vielmehr die Hegelsche Gottlosigkeit aufgegeben und an dessen Stelle das Dogma von einem wirklichen, persönlichen Gotte, der außerhalb der Natur und des Menschen Gemüthes ist, wieder hervorgezogen. Dieses Dogma, das sich ebensogut durchführen läßt, wie unsere Hegelsche Synthese, haben am tiefsinnigsten, laut den Zeugnissen der Neoplatonischen Fragmente, schon die alten Magier dargestellt, und später in den Mosaischen Urkunden tritt es mit einer Wahrheitsbegeisterung und einer Beredsamkeit hervor, welche wahrlich nicht bei unsern neuern Dialektikern zu finden ist. Hegel ist bei mir sehr heruntergekommen und der alte Moses steht in Floribus.«43
»Gott unserer Väter«, »die »Mosaischen Urkunden« und »Moses steht in Floribus« – Heine hat zu seinem jüdischen Glauben zurückgefunden. Hinweise auf eine andere Bekehrung lasen sich aus Heines Briefen und den zu Lebzeiten oder später veröffentlichten Texten nicht entnehmen. Noch in den Geständnissen schreibt er 1854, dass ihm beim Lesen der Bibel »besonders die letzte Parthie noch nicht ganz klar geworden.«44
»Ich weiß nicht, in wie weit ich merken ließ, daß ich weder für ein Dogma noch für irgend einen Cultus außerordentlich schwärme und ich in dieser Beziehung derselbe geblieben bin, der ich immer war. Ich mache dieses Geständniß jetzt auch, um einigen Freunden, die mit großem Eifer der römisch-katholischen Kirche zugethan sind, einen Irrthum zu benehmen, in den sie ebenfalls in Bezug auf meine jetzige Denkungsart verfallen sind. Sonderbar! zur selben Zeit, wo mir in Deutschland der Protestantismus die unverdiente Ehre erzeigte, mir eine evangelische Erleuchtung zuzutrauen, verbreitete sich auch das Gerücht, als sey ich zum katholischen Glauben übergetreten, ja manche gute Seelen versicherten, ein solcher Uebertritt habe schon vor vielen Jahren stattgefunden, und sie unterstützten ihre Behauptung mit der Angabe der bestimmtesten Details, sie nannten Zeit und Ort, sie gaben Tag und Datum an, sie bezeichneten mit Namen die Kirche, wo ich die Ketzerey des Protestantismus abgeschworen und den alleinseligmachenden römisch-katholisch-apostolischen Glauben angenommen haben sollte; es fehlte nur die Angabe, wie viel Glockengeläute und Schellengeklingel der Meßner bey dieser Feyerlichkeit spendirte.«45
Heines neu gefundener Glaube bleibt frei von dogmatischen Zwängen und er begegnet seinem Gott mit breiter Brust. »Gottlob, daß ich jetzt wieder einen Gott habe, da kann ich mir doch im Uebermaaße des Schmerzes einige fluchende Gotteslästerungen erlauben; dem Atheisten ist eine solche Labung nicht vergönnt.«46
»Und das alles ertrage ich mit religiöser Geduld. Ich sage religiös, weil ich doch nicht ganz in Abrede stellen kann, was man von meiner jetzigen Gottgläubigkeit erzählt. Aber ich muß Ihnen in dieser Beziehung versichern, daß hier große Übertreibungen herschen, u. daß ich nicht im entferntesten zu den sogenannten frommen Seelen gehöre. Die Hauptsache besteht darin, daß ich schon längst eine große Abneigung gegen den deutschen Atheismus empfand, schon längst bessere Überzeugungen in Betreff der Existenz Gottes hegte, u. mit der Manifestation derselben eine geraume Zeit warten wollte, vielleicht um dem lieben Gott eine Sürprise zu machen. Unberechtigte gobemouches [fr. Fliegenschnäpper, im Sinn von Einfaltspinsel] haben jedoch flüchtige Aussprüche von mir aufgefangen u. mich in das allerdümmste Gerede gebracht. Ich witterte dabei sogar die Absichtlichkeit gewisser Leute, die mich als einen fetten Braten für ihren Himmel gern canonisirt hätten; es ist dafür gesorgt, daß meine sogenannte Bekehrung ihren Committenten keine Indigestion verursachen wird.«47
Anmerkungen
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