Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden
Anfänge
Im November 1819 trafen sich Joseph Hilmar, Isaac Levin Auerbach, Isaac Marcus Jost, Leopold_Zunz, Eduard_Gans, Moses Moser und Joel Abraham List in dessen Wohnung, wo sie einen »Verein zur Verbesserung des Zustandes der Juden im Deutschen Bundesstaate« gründeten. Nach vielen Diskusionen um Statuten und Ziele des Vereins und Ausscheiden von Hilmar und Jost benannte sich der Verein auf Vorschlag von Gans am 5. Juli 1821 in »Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden« um. Zuvor hatte Gans am 11. März 1821 Joel Abraham List als Präsident des Vereins abgelöst, da dieser von Berlin nach Posen zog.1 Weitere aktive Vereinsmitglieder wurden in der Folgezeit unter anderem Ludwig Markus, David Friedländer, Lazarus Bendavid, Julius Rubo und Harry Heine – insgesamt kam der Verein aber nicht über 15 aktive Mitglieder hinaus. Als Ableger des Vereins gründete sich im Juli 1822 der »Hamburger Spezialverein«.
Aktivitäten
Von November 1821 bis Mai 1823 wurde vom Kulturverein eine »Unterichtsanstalt« betrieben, die junge Juden aus Ostelbien und Galizien, also dem preußischen Teil Polens, auf das Studium an der Berliner Universität vorbereiten sollte. Unterrichtet wurde Geometrie, Algebra, deutsche Grammatik, Griechisch und Latein sowie später auch Geschichte, Französisch und Geografie.2 Heine, der seit August 1822 Mitglied des Vereins war, unterrichtete dort Französisch, Deutsch und deutsche Geschichte.
1822 begann der Verein unter Redaktion von Leopold Zunz die Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums herauszugeben, jedoch wurde die Zeitung nach drei Ausgaben im Jahr 1823 wieder eingestellt. Der Stil, in dem die Artikel geschrieben waren, war schwerfällig und steif, wodurch die Lesbarkeit der Zeitschrift litt. Heine kritisiert die stilistischen Mängel bezüglich des im Juni 1823 erschienenen dritten Hefts und schreib an Zunz:
»Ich habe von Moser die Zeitschrift erhalten, und selbige bereits aufgeschnitten, durchblättert, und Theilweise mit Aerger gelesen. Ich will gar nicht in Abrede stellen daß die Sachen darinn gut sind, aber ich muß freymüthig gestehen – und erführe es auch der Redakteur – der gröste Theil, ja 3/4 des dritten Hefts ist ungenießbar wegen der verwahrlosten Form. Ich will keine Göthische Sprache, aber eine verständliche, und ich bin fest überzeugt was ich nicht verstehe, versteht auch nicht David Levy, Israel Moses, Nathan Itzig, ja vielleicht nicht mahl Auerbach II. Ich habe alle Sorten deutsch studirt, sächsisch deutsch, schwäbisch deutsch, fränkisch deutsch, – aber unser Zeitschriftdeutsch macht mir die meisten Schwierigkeiten. Wüste ich zufällig nicht was Ludwig Markus und Doctor Gans wollen, so würde ich gar nichts von Ihnen verstehen. Aber wer in der Corruptheit des Stils es am weitesten gebracht hat in Europa das ist L. Bernhardt. […] Dringen Sie doch bey den Mitarbeitern der Zeitschrift auf Cultur des Styls. Ohne diese kann die andere Cultur nicht gefördert werden.«3
Auflösungserscheinungen
Heine beschrieb, dass der »Zweck jenes Vereins nichts anderes war als eine Vermittlung des historischen Judenthums mit der modernen Wissenschaft, von welcher man annahm, daß sie im Laufe der Zeit zur Weltherrschaft gelangen würde.«4 – Was Heine rückblickend für »eine hochfliegend große, aber unausführbare Idee«5 hielt. »Geistbegabte und tiefherzige Männer versuchten hier die Rettung einer längst verlorenen Sache, und es gelang ihnen höchstens, auf den Walstätten der Vergangenheit die Gebeine der älteren Kämpfer aufzufinden. Die ganze Ausbeute jenes Vereins besteht in einigen historischen Arbeiten […]«6
Obwohl Heine bereits seit Mai 1823 nicht mehr in Berlin lebte, erkundigte er sich in Briefen an seinen Freund Moses Moser immer wieder über die Entwicklung des Vereins. Dass der Verein 1824 in einer Krise steckte, entging ihm dadurch nicht:
»Ungern vermiste ich in Deinem Briefe Nachricht über den Verein. Du kannst mir ja seinen Zustand mit wenig Worten andeuten. Hat der Verein schon Karten herumgeschickt pour prendre congé [fr: um Abschied zu nehmen]? Oder wird er sich halten? Wird Gott stark seyn in den Schwachen, in Auerbach u Consorten? Wird ein Messias gewählt werden? Da Gans sich taufen lassen will, so wird er es wohl nicht werden können, u die Wahl eines Messias hält schwer.«7
Noch im Januar 1825 beklagt sich Heine bei Moser »Vom Verein sagst Du mir gar nichts.«8 Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Verein bereits in aller Stille aufgelöst und Gans hatte sich im Dezember 1824 taufen lassen, um seinem Wunsch nach einer Anstellung in der Berliner Universität näher zu kommen. Obwohl sich Heine selbst aus ähnlichen Motiven taufen ließ, verübelte er Gans diesen Schritt:
»Mit Bekümmerniß muß ich hier erwähnen, daß Gans, in Bezug auf den erwähnten Verein für Cultur und Wissenschaft des Judenthums, nichts weniger als tugendhaft handelte, und ich die unverzeihlichste Felonie zu Schulden kommen ließ. Sein Abfall war um so widerwärtiger, da er die Rolle eines Agitators gespielt und bestimmte Präsidialpflichten übernommen hatte. Es ist hergebrachte Pflicht, daß der Kapitän immer der letzte sey, der das Schiff verläßt, wenn dasselbe scheitert – Gans aber rettete sich selbst zuerst.«9
Nachwirkungen
Aus Heines Vereinsmitgliedschaft und Beschäftigung mit dem Judentum resultierte das Romanprojekt Der Rabbi von Bacherach, jedoch blieb der Roman Fragment und wurde erst 1840 veröffentlicht.
Anmerkungen
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